Thomas Schall - Lauten

Christian Gottlieb Scheidler

Der letzte Lautenist




 

 


Leider wissen wir nicht viel über die Person Scheidler, denn während
der napoleonischen Kriege gingen wahrscheinlich die meisten fehlenden Unterlagen
(so zum Beispiel das Sterbedokument, Geburtsurkunde etc.) verloren.

Die Bedeutung Scheidlers liegt darin, zum einen "Der letzte Lautenist"
gewesen zu sein und zum anderen der erste bedeutende Virtuose auf der Gitarre,
einem Instrument, daß zu Beginn des 19.Jahrhunderts in Deutschland
eine Stellung einnahm, wie sie die Laute über Jahrhunderte inne hatte
(also sowohl als populäres Instrument als auch als Instrument der
Virtuosen).

Selbst, wenn es ältere deutsche Gitarrenquellen gibt ( zum Beispiel
Adelheid von Bayern, Graf Logy, Andreas Bohr von Bohrenfels ) wurde die
Gitarre erst nach 1800 in Deutschland populär, zu einer Zeit, als
der frühere Hoflautenist des Kurmainzer Staates von der Laute zur
Gitarre wechselte.

Obwohl er schon 1768 in Gerbers Lexikon als Komponist und Cellist erwähnt
wird, darf man annehmen, daß Scheidlers Karriere 1778 begann, als
er per Erlaß als Hoflautenist der Kurfürstlichen Hof- und Kammermusik
angestellt wurde.

Von 1779 bis 1797, dem Ende des Kurmainzer Staates war Scheidler immer
in der Beschäftigtenliste aufgeführt, zuerst als Cellist, seit
1792 als Faggot-Spieler, aber seit 1789 ist er ebenfalls als Hoflautenist
erwähnt.

Scheidler folgte seinem Herren, dem Kurfürst Karl Theodor Freiherr
von Dalberg, seit 1807 Großherzog von Frankfurt, einem leidenschaftlichen
Anhänger Napoleon Bonapartes in das Exil. Es ist sehr wahrscheinlich,
daß er von Dalberg 1797 in seine neue Residenz Aschaffenburg begleitete.
Ab 1806 wird Scheidler in Frankfurt (am Main) als Pensionär erwähnt,
der wie alle Mitglieder des ehedem Kurmainzer Hofes eine Pension erhielt.

Es scheint eine Unterbrechung seiner Verpflichtungen von 1803 bis 1808
gegeben zu haben. Ab 1808 ist Scheidler bei der Theaterkapelle in Frankfurt
verpflichtet.

The Leipziger Musikzeitung erwähnt ein Konzert, das Scheidler am
22. Januar 1806 gab: " .. gab Herr Arnold Konzert. Das erste Allegro und
die Menuet aus Mozarts großer Sinfonie aus Es-dur leitete es ein
... Hier folgten auf jene gewaltigen Sätze Variationen für zwey
Guitarren und ein Violoncell, komponiert von Hrn. Scheidler und gespielt
von ihm, Dem. Jung, einer sehr talentvollen Liebhaberin, und Hrn. Arnold.
Das angenehme Thema war so manigfaltig, und mit viel Kunst variiert, als
es von der beschränkten Guitarre kaum zu erwarten stand. Eben so,
und mit vielem Geschmack wurde es vorgetragen. Passagen und Läufe,
Triller und Harpeggiaturen, hörte man mit großer Bestimmtheit
und Deutlichkeit vorgetragen; dies mußte um so mehr Bewunderung finden,
da man, wenigstens hier, gewöhnlich nur zu matter oder schlichter
Begleitung eines Liedes und dgl. sich dieses Instruments zu bedienen pflegt
. ... Dem. Jung ist die Schülerin eines Mannes, der ein so vollkommener
Meister dieses Instruments ist, als man es seyn kann- des Hrn. Scheidler;
und wenn man ihn hier nicht so kennet, als er es vor Vielen verdient, so
liegt das gewiß nur an Zufälligkeiten und Nichtigkeiten. Hr.
Scheidler war ehedem Hof-Lautenist bey dem Kurfürsten von Mainz, und
in dessen Kapelle als Fagottist angestellt; er lebt jetzt hier von der
Pension, .... , und von dem Ertrag der Stunden, in welchen er Unterricht
auf der Guitarre giebt. Er ist nicht nur vielleicht der erste Lautenist
und Virtuos auf der Guitarre in Deutschland, sondern auch ein wackerer
Komponist. Die Kunst des reinen Satzes hat er recht eigentlich studirt,
und ihre Regeln hält er heilig und unvebrüchlich, ohne dass seine
Arbeiten dadurch steif und ungefällig würden. Er hat mehrere
Konzerte und andere Stücke für die Laute und Guitarre geschrieben,
aber noch nichts in Druck gegeben, und ist auch nicht Willens, je etwas
öffentlich herauszugeben. Seine freie Phantasie auf jenen Instrumenten
(Seine Guitarre hat sieben Saiten **) übertrifft
die größte Erwartung. Außer einigen eigenen Kunstgriffen
deren kunstreiche, überraschende Modulationen, Passagen aller Art,
einfache und doppelte Triller, unter die gewiß seltenern und schweren
Mittel, deren er sich mit Leichtigkeit bedient, seiner Phantasie Raum zu
geben und auf die Zuhörer zu wirken. Er spielt selten in Gesellschaft,
öffentlich gar nicht mehr; aber dem Freund, dem Kunstliebhaber entzieht
er das Vergnügen, ihn privatim zu hören, niemals. Seine Methode
des Unterrichts ist sehr zweckmäßig und leicht, und umso vorzüglicher,
da er das Instrument aus Erfahrung sehr genau kennt und selbst so gut spielt."

Der hier gepriesene Scheidler hatte also niemals vor, Stücke zu
veröffentlichen. Trotzdem sind uns einige Werke erhalten geblieben
(interessanterweise trägt seine 1.Sonate für Violine und Gitarre
die Werknummer 21). Hier eine kurze Auflistung:

Sonate pour Guitarre, Nr. 1.1. Eltwill, Zulehner 5 Pieces differentes
pur Guitare. Eltwill, Zulehner Duo Nr.1.2. pour Guitare et Violin, Eltvill,
Zulehner Allegro, Romanze und Rondo fnr Guitarre und Violine, Op.21. Wien,
Haas Romanze pour Guitare composee par Ch. G. Scheidler, Mainz, Schott.
Zwei Sonaten (in C-Dur und G-Dur), Rotterdam, Plattner (Facsimile bei Chantarelle
Nr. ECH 304, Original "chez B.Schott a Mayence") (Anmerkung: Die Druckplattenm
des Herausgebers Zulehner wurden von Schott zwischen 1811 und 1820 übernommen.
Einige von Scheidler's Ausgaben kann man noch über Schott's Archiv
in Mainz erhalten, während von anderen die originalen Druckplatten
verschollen zu sein scheinen)

Eine Handschrift, möglicherweise ein Autograph mit Variationen
über das "Champagnerlied" aus Mozarts "Don Juan" (in Mainz wurde "Don
Juan" erstmals am 23. Mai 1789 aufgeführt) wird in Berlin aufbewahrt
(eine Abschrift kann über mich bezogen werden).

Ein weitere Artikel mag das hohe Ansehen belegen, welches Scheidler
genoß: ( Leipziger Theaterzeitung): " ... Potpurri für die Guitarre
allein, von Giuliani, gesp. von Hrn. Brand. Die Komposition war unbedeutend
und wurde auch nicht vorzüglich gut gespielt. Dies Instrument ist
überdies bekanntlich gar nicht für große Concertversammlungen
geeignet, und nur ein ganz ausgezeichneter Virtuos kann vielleicht einmal
ein großes gemischtes Aufditorium damit allein unterhalten. (Ein
solcher ist unser Hr.. Scheidler, der aber auch eine reiche Phantasie besitzt,
deren Eingebungen er durch Kunst zu ordnen versteht, und Schwierigkeiten
überwindet, die unmöglich scheinen.)"

Wir können Scheidlers Werdegang bis 1814 verfolgen. Solange ist
seine Beschäftigung bei der Frankfurter Theaterkapelle belegt. Vieles
spricht dafür, daß er im Jahr darauf in Frankfurt starb.

Literaturliste: Dr. Josef Zuth: "über Christian Gottlieb Scheidler",
1930. ders.: "Handbuch der Laute und Gitarre", Wien 1926 ders.: Vorwort
zur Ausgabe von Scheidler's 1.Sonate für Violine und Gitarre (op.21)
, Heinrich Hohler Verlag, Karlsbad (1931) Simon Wynberg, "Introduction"
zur Ausgabe von Scheidlers Gitarre-Solosonaten

** Aus den Ausgaben für Gitarre Solo können
wir ableiten, daß Scheidler die sechste Saite seiner Gitarre in G
stimmte.