Thomas Schall - Lauten

Die Laute

Es ist heute kaum mehr vorstellbar, welche beherrschende Stellung die
Laute einmal im musikalischen Leben Europas gespielt hat. Sie war sowohl
im Bereich der Profi- als auch der Amateurmusik das Instrument einer Zeitspanne,
die etwa 1000 Jahre umfaßte. Sie war so populär, daß etwa
Balthasar Janowskas etwa 1700 aus Prag berichtete, daß es
so viele Lauten gäbe, daß man "die Dächer mit Lauten
hätte decken können"
.

Sie wurde zu dieser Zeit "Königin der Musikinstrumente" (regina
omnium instrumentum musicorum
) genannt, denn ihr Ton und ihr feiner
modulierbarer Klang entsprachen dem Zeitgeist.

Zahllose Gemälde und Gedichte beschreiben die Laute. Hier eines
aus der Feder von Sir Francis Pilkington:


O sanft singende Laute

Verbringe deine Zeit

Mit meinen Tränen

Denn sanfte, zarte Saiten

Verstehen Liebe

Die nicht schlafen kann.



Den Lautenspielern wurden bald magische und heilende Kräfte zugesprochen.
So wird in einer Anekdote über
Barons zerbrochene Laute berichtet,
wie Barons Lautenspiel das Gefühlsleben der anwesenden Kommilitonen
zu kontrollieren schien. Durch sein Lautenspiel schien er sie bis zur Raserei
bringen zu können.

Dem ungarischen Lautenisten Valentin Bakfark wurden durch Herzog
Albrecht 1559 heilsame Kräfte zugesprochen. In einem Brief an seinen
König berichtet er, "durch seine Kunst und liebliche Musik bin
ich ganz und gar wiederhergestellt und vom Krankenlager aufgestanden ...".

Pater Mersenne behauptete in seiner Harmonie Universelle
1636: "Ein Lautenspieler kann mit seinem Instrument alles vollbringen.
Zum Beispiel kann er das geometrische und harmonische Mittel, die Quadratur
des Zirkels, die Verhältnisse der Bewegung der Gestirne und die Geschwindigkeit
der fallenden Körper – alle diese und noch tausend andere Dinge herstellen".

Einer der frühen Renaissancemeister,
Francesco Canova da Milano
erhielt von seinen Zeitgenossen neben dem Titel "Lautenlehrer des Papstes"
den Titel Il Divino (Der Göttliche), eine Ehrenbezeichnung,
die er mit keinem geringeren Zeitgenossen als Michelangelo teilte.

Francesco war auch einer der Begründer der musikalischen Renaissance,
der Wiedergeburt der Antike, die wie auch der Barock in Italien
seinen Anfang hatte. Das Golden Age der englischen Musik ist wesentlich
durch die Laute und ihre Musik geprägt. Musiker wie Thomas Robinson,
John Johnson, Tobias Hume
und John Dowland sind untrennbar mit
der größten Epoche des Musizierens in England verbunden. John
Dowlands Lautenlieder gehörten schon zu seiner Zeit zu den beliebtesten
(und bestverkauften Stücken) der Zeit. Viele seiner Lieder waren auch
auf dem Festland fast so bekannt wie Volkslieder. So finden sich einige
Solostücke auch in deutschen Quellen wie dem Druck Thesaurus Gratiarum
von Mylius (Frankfurt am Main, 1621). Dowlands Meisterwerk Lacrimae
wird über lange Zeit als Vorlage für Variationswerke benutzt
und in der Literatur häufig als Synonym für Trauer zitiert (so
zum Beispiel bei Shakespeare).

Mit dem Barock setzte eine neue Art der Interpretation ein; man sprach
durch das Instrument: eines der bekanntesten Lautenbücher dieser Zeit
hieß denn auch "La Rhétorique des Dieux" (Die Sprache
der Götter, D.Gaultier). Die Laute, die schon im Verlauf der
Renaissance immer zusätzliche Saiten bekommen hatte, bekam nun einen
elften Chor und eine neue Stimmung. Die alte Stimmung (der vielle tone)
blieb aber noch etwa 200 Jahre für Orchesterinstrumente (Theorben,
Chitarrone und Archiliuto) in Gebrauch.

In Deutschland führte Esaias Reusner die neue Stimmung (les
accord noveaux
) ein; ein Wunderkind, das schon im Alter von 10 Jahren
vor der polnischen Königin musizierte. Als größter Lautenist
aller Zeiten jedoch wurde Sylvius Leopold Weiß gerühmt,
ein Zeitgenosse und Freund Bachs. Es wird berichtet, daß beide
mehrmals um die Wette improvisiert hätten, wobei Bach Weiß auf
dem leichter zu handhabenden Clavier nicht überlegen gewesen sein
soll. Weiß wird auch die Theorbierung und Einführung des 12.
Und 13.Chors der Barocklaute zugesprochen, welche die Laute für größere
Säle tauglich machten.

Mit Weiߑ Tod 1750 ging die große Zeit der Laute zu Ende.
Seinen Zeitgenossen war dies offenbar bewußt, denn sie schrieben
auf seinen Grabstein: "Nur Sylvius soll die Laute spielen".

Obwohl nun die Hochzeit der Laute zuende war, finden sich im sogenannten
galanten Zeitalter und bis in die Frühklassik hinein hervorragende
Komponisten für Laute wie Adam Falckenhagen, Joachim Bernhard Hagen
bis hin zum Letzten Lautenisten, dem Frankfurter Scheidler.

Schon zu Beginn des 18.Jahrhunderts wurde über die schwere Spielbarkeit
der Laute geklagt, die mit ihren bis zu 28 Saiten wohl eines der technisch
anspruchsvollsten Instrumente ist. Zugleich markierte der Wechsel von Barock
zur Klassik einen radikalen Wechsel der Klangvorstellungen, dem viele der
alten Instrumente weichen mußten.

Etwa zur gleichen Zeit kam aus Spanien und Italien ein Modeinstrument
an die anderen europäischen Höfe, das über etwa ein Jahrhundert
einen größeren Kreis von Liebhabern fand:

Die Gitarre

Wenn dieses Instrument auch niemals die das Musikleben beherrschende
Stellung der Laute erreichen konnte (diese Position teilten sich ab etwa
der Mitte des 18.Jahrhunderts Klavier und Geige), so war sie doch an Höfen
und in Salons ein gerne gepflegtes Instrument. Künstler wie der Theorbist
und Gitarrenlehrer des französischen Königs, Robert de Viseé
oder Corbetta, Schüler de Viseés und dessen Erbe in
der Funktion des Hofgitarristen sorgten für ein gutes Renommee der
Gitarre.

In der Klassik/Romantik wirkten dann die noch heute bekannten und gerne
gespielten Meister der Gitarrenmusik wie F.Sor, M.Giuliani, Napoleon
Coste
oder der deutsche J.C. Mertz, bevor die Gitarre wie ein
Jahrhundert zuvor die Laute in Vergessenheit geriet und erst vor ca. 100
Jahren in ihrer heutigen Gestalt durch Künstler wie Miguel Llobet,
Francisco Tárrega
oder den unvergessenen
Segovia zu neuem
Leben erweckt wurden und erneut einen Platz im Musikleben fanden.